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Lese-Ansicht

Messe Spiel in Essen: Erinnerungen an meinen ersten Besuch

Spiele faszinieren mich schon so lange ich denken kann. Aufgewachsen mit den typischen Klassikern und den ersten Spielen des Jahres, hat sich mir jedoch erst ab Ende der Achtziger und Anfang der Neunzigerjahre allmählich die Bandbreite des Mediums offenbart. Während der Abizeit und des Studiums gehörte Spiel fest zur Freizeitgestaltung. Ich stöberte regelmäßig durch die Läden auf Suche nach Neuheiten. Im Spielwarengeschäft Twele in Nienburg an der Weser und bei Toys’r’Us in Oldenburg beispielsweise. Catan zündete dann den Booster. Neue Titelträger mit dem Pöppel für den Preis Spiel des Jahres tauchten für mich weiterhin aber eher plötzlich in den Regalen auf. Dass es gar in Essen eine Messe für Brettspiele gibt, lag gänzlich außerhalb meiner Wahrnehmung. Das änderte sich erst im Jahr 2005.

So hat sich die Messe Spiel im Jahr 2025 während der Neuheitenschau präsentiert.

Im Frühjahr des Jahres war ich als Redakteur zur Neuen Osnabrücker Zeitung gewechselt. Hatte ich vorher als Journalist nahezu ausschließlich mit lokalem Sport zu tun, schrieb ich nun unter anderem für die Ratgeberseite „Gut zu wissen“. Ich stellte fest, dass Verlage der Redaktion Presseinformationen zur Verfügung stellen. Dass sie Rezensionsexemplare versenden. Dass es die Möglichkeit gibt, Texte über Spiele zu verfassen. Bingo! Und plötzlich las ich von „Messe“ und „Essen“. Mit der Redaktionsleitung sprach ich ab, dass ich dort einmal hinfahre. Und musste ob meiner Naivität Lehrgeld bezahlen.

Als 350 Neuheiten schon als viel galten

Ich war im Glauben, die richtige Messe beginnt bereits mit dem Pressetag am Mittwoch. Irrtum. Erst Pressekonferenz mit Begrüßung durch Dominique Metzler vom veranstaltenden Merz-Verlag, Zahlen der Fachgruppe Spiel (heute Spieleverlage e.V.) und gesponserten Neuheitenvorstellungen. Bei Süppchen und Schnittchen. Danach Neuheitenschau. In zwei Räumen auf der ersten Etage eines Messegebäudes präsentierten die Verlage ihre Neuheiten. Ich erinnere mich an enge Gänge und Gewusel. Damals dachte ich, dass 350 Neuheiten viel sind. Das Portal Reich der Spiel schrieb in seinem Messebericht: „Anzumerken ist, dass die Menge der Neuerscheinungen inzwischen so groß geworden ist, dass sowohl Kritiker als auch potenzielle Käufer kaum noch den Überblick behalten können.“ Die ein oder andere Perle drohe unterzugehen. Heute ist die Zahl der Neuheiten längst vierstellig.

Die Zahlen der Messe Spiel ’25.

Die Neuheitenschau war nach zwei Stunden vorbei, die Hallen blieben an diesem Tag geschlossen. Ich trottete enttäuscht zurück zum Auto und fuhr nach Hause. Mit im Gepäck hatte ich immerhin ein Exemplar von Louis XIV. Das Spiel von Rüdiger Dorn war mit dem Deutschen Spielepreis ausgezeichnet worden. Am Stand von alea hatte ich Redakteur Stefan Brück eher schüchtern gefragt, ob ich als Redakteur der NOZ ein Rezensionsexemplar erhalten könne. Er schaute mich skeptisch an; er kannte mich ja nicht – ich war neu in der Szene. Händigte mir aber dennoch eines aus. Irgendwann in den Jahren danach habe ich das Spiel verschenkt, weil ich Platz in den Regalen brauchte. Heute bedauere ich das.

Als Sudoku auch bei der Messe Spiel Trend war

Ich weiß noch, dass ich im Nachgang bei uns in der Zeitung über den Sudoku-Trend berichtete. Mehrere Verlage hatten zu der damals neuartigen Rätselform ein Spiel herausgebracht. Als Mathematiker fand ich das Thema großartig. Doch auch von diesen Spielen habe ich heute keines mehr.

Mittlerweile hat die Messe Spiel auch ein Maskottchen: Meeps.

Was geblieben ist, sind die Erinnerungen an Essen 2005. An meinen holprigen Start mit der Messe Spiel. An den Beginn einer Tradition: Die Messe hat seitdem einen festen Platz in meinem Kalender. Mit ihr verknüpfen sich zahlreiche Erlebnisse. 2006 stöberte ich erstmals durch die Messehallen, die damals noch einen anderen Zuschnitt hatten als heute. 2009 erhielt ich am Abend der feierlichen Messeeröffnung die Nachricht, dass mich die Jury Spiel des Jahres als Mitglied aufgenommen hat. 2013 stand ich in den Hallen vor der Kamera, um den Image-Film „1 Jahr mit der Jury Spiel des Jahres“ zu drehen. Ende der Zehnerjahre folgte der schon angedeutete umfassende Neubau des Messegeländes. Gerade rechtzeitig genug, um der Expansion der Messe genügend Platz zu bieten. Noch zumindest.

Bei Essen-Rüttenscheid rechts raus

Bis auf zwei Jahre war ich seit 2005 immer dabei. 2007 hatte freilich die Geburt meines Sohnes Priorität. Und 2020 verhinderte die Corona-Pandemie die Messe Spiel an sich. Nun fahre ich also bald zum 20. Mal nach Essen. Vom 21. Oktober (Pressetag) bis zum 25. Oktober 2026. Und spätestens dann, wenn an der A52 das Schild der Ausfahrt Rüttenscheid auftaucht, fühle ich mich wieder so, als würde ich nach Hause kommen.

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Warum Monopoly heute als Neuheit keine Chance hätte

Kannst Du Dir vorstellen, dass heutzutage der VW Käfer – würde er noch produziert – zu den meistgefahrenen Autos in Deutschland zählen würde? Oder das Model T von Ford, das erstmals im Jahr 1908 auf die Straßen kam. Vermutlich nicht. In der Brettspielwelt ist das jedoch so. Im übertragenen Sinn. „Monopoly“ (Hasbro) zählt zu den verbreitetsten Spielen in Deutschland. Immer noch. Ein Spiel, dessen Ursprung auf den Anfang des 20. Jahrhunderts datiert und Popularität erlangte, als das US-amerikanische Unternehmen Parker die Patentrechte übernahm. Das liegt mittlerweile mehr als 90 Jahre zurück. Und das merkt man „Monopoly“ auch an. Es ist wie bei der „Tin Lizzie“ oder beim Käfer: Der Oldtimer hat vielleicht nostalgischen Wert, spiegelt die Qualität moderner Entwicklungen jedoch nicht wider.

Meine These: Würde „Monopoly“ heute erfunden werden, hätte es null Chancen, verlegt zu werden und auf den Markt zu kommen. In Anlehnung an die thematische Einbettung, die Mitspieler durch Immobiliengeschäfte in den Bankrott treiben zu wollen, krankt es an konzeptionellen Schwächen. Wem macht es wirklich Spaß, eliminiert und zum Zugucken verdonnert zu werden? Spieleautoren dieser Tage vermeiden eine Aussetzen-Regel. Bei „Monopoly“ kommt hinzu, dass es über eine viel zu lange Spielzeit den Spannungsbogen nicht aufrechterhalten kann. Wen das Glück beim Würfeln verlässt, muss möglicherweise – auch wegen verbreiteter Hausregeln – einen langen und dann unvermeidlichen Weg zur Niederlage ertragen. Was mich dabei am meisten nervt: das ständige Hin- und Herwechseln von Papiergeld. Beschäftigungstherapie.

Papiergeld in Gesellschaftsspielen

Mag ein dickes Bündel Scheine einst Träumereien von Reichtum gefördert haben, kommt Papiergeld in neuen Spielen kaum noch vor. Zu umständlich die Handhabung. Zu billig die Anmutung. Einer der wenigen der kürzlich veröffentlichten Titel, in denen Scheine in Papierform enthalten sind, ist das bei Piatnik erschienene „Raccoon Tycoon“ von Autor Glenn Drover. In der Anleitung heißt es: „Versierte Geschäftsmagnaten wittern das große Geschäft und wollen auf dem Gipfel dieser Entwicklung ein Vermögen scheffeln.“ Prinzip „Monopoly“, nur dass hier beim Handeln mit Rohstoffen sowie Erwerben von Gebäuden, Firmen- und Gebietsanteilen mehr vom Zufall unabhängige Entscheidungen getroffen werden können. Ein ordentlich designtes Konstrukt. Warum wir dabei jedoch Waschbären sein sollen? Vermutlich, weil sich der englische Begriff dafür auf Tycoon reimt und damit das Wortspiel für den Titel ergab.

Geld prinzipiell hat in vielen Spielen eine Bedeutung. Oft klassisch als Tauschmittel. Mitunter als finale Währung, die über Sieg oder Niederlage entscheidet. Meistens in Form von Pappmünzen. Wer möchte, kann in optionale Metallmünzen investieren, die schwerer in der Hand liegen und eine höhere Wertigkeit versprechen. Echtes Geld für falsches Geld. Fast schon absurd. Dennoch eine Versuchung für Brettspielliebhaber, letztlich aber nur ein Gimmick. Interessanter ist, wie Autoren mit der Möglichkeit umgehen, dass sich Spieler verzocken und während einer Partie mittellos werden können. Schon bei „Monopoly“ besteht die Option, Hypotheken aufzunehmen oder sich Geld zu leihen. Meist eine Verlängerung des Leidenswegs.

„Castle Combo“ als gutes Beispiel

Besser haben es Grégory Grard und Mathieu Roussel in „Castle Combo“ (Kosmos) gelöst. Habe ich keine Münzen mehr, um mir eine Karte aus der Auslage zu leisten, erhalte ich sie einfach so. Mehr noch: Ich kriege Geld obendrauf, um wieder flüssig zu werden. Freilich muss ich in der Folge auf die Funktion der Karte verzichten; sie wird mit der Rückseite nach oben in meine Auslage gelegt. Was in anderen Spielen ein Notzug ist, kann sich hier als taktischer Vorteil erweisen. Nicht nur wegen der zurückgewonnenen Liquidität, sondern auch wegen der Option, während der finalen Wertung durch andere Karten von umgedrehten Karten zu profitieren. Punkte auf Pump – hier kann das funktionieren.

Bei „Monopoly“ sind Hypothekengeschäfte zumeist der Anfang vom Ende. Das ursprünglich als Kritik am Kapitalismus ausgelegte Spiel ist quasi zu „Kapitalismus – Das Spiel“ geworden. Was vor allem einem nutzt: dem Verlag und Lizenznehmern. Es gibt kaum ein Thema, das Monopoly nicht übergestülpt wird. „Der Herr der Ringe“, „SpongeBob“, „Harry Potter“. Und dann noch die vielen Städte-Editionen. Keine Frage: Diese Versionen als Geschenkideen ins Verkaufsregal zu stellen, ist legitim. Aber werden sie auch gespielt? Oder verstauben sie im Regal wie Käfer und Model T im Automuseum?

Solltest Du zu den Fans von „Monopoly“ gehören, dann lass Dir von mir nicht den Spaß verderben. Denn was Dir Spaß macht, darüber entscheidest ja allein Du. Aber probiere einmal aus, ohne Hausregeln zu spielen. Beim Lesen der Anleitung wirst Du vermutlich so manche Überraschung erleben.

PS: Ein Hörtipp: „Monopoli“ („Wir sind nur die Randfigur’n in einem schlechten Spiel“) von Klaus Lage.

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Von Spasski, Fischer und einem Menschen, den ich vermisse

Schach. Ich habe immer verloren. Jede einzelne Partie. Mein Bruder war nicht nur 13 Jahre älter als ich, er war auch Bundesligaspieler. Im Schach. Meine Bilanz gegen ihn werde ich niemals verbessern können. Wilhelm ist tot. Ein Spiel hat viele Erinnerungen aufgefrischt.

Boris Spasski gegen Bobby Fischer. Sowjetrusse gegen US-Amerikaner. Das Finale der Schachweltmeisterschaft elektrisiert im Jahr 1972 die Welt. Inmitten des Kalten Kriegs wird dieses Duell Stellvertreter des Klassenkampfs zweier Großmächte. Austragungsort: die isländische Hauptstadt Reykjavik. „Match Of The Century“ nennen Autor Paolo Mori und der Verlag Deep Print Games das Spiel, das dieses historische Duell neu inszeniert. Man muss kein Schach können, um es zu verstehen. Es ist ein taktisches Kartenspiel für – klar – zwei Personen. Eines, das mit den Ereignissen von damals spielt.

Match of the Century

Ich bin in jenem Sommer noch kein Jahr alt. Wilhelm feiert am 15. Juli 1972 seinen 14. Geburtstag. Herausforderer Fischer liegt an diesem Tag schon 0:2 zurück. Zur zweiten Partie war der exzentrische Amerikaner gar nicht erst angetreten. Wie bekloppt, denke ich gut 50 Jahre später. Was Wilhelm damals davon hielt oder für wen er Sympathien hegte – ich weiß es nicht, kann nur vermuten. Wir haben nie über das Jahrhundert-Match gesprochen. Ich bin mir aber sicher, dass er das Finale verfolgt, die Partien analysiert hat. Wenn nicht 1972, dann auf jeden Fall später.

Bei „Match Of The Century“ symbolisieren Karten die Schachfiguren

In „Match Of The Century“ agiert eine Person als Spasski, die andere als Fischer. Der Wettkampf erstreckt sich über mehrere Partien. Sprich: Runden. Wer zuerst sechs Punkte hat, wird nicht Weltmeister, aber gewinnt immerhin dieses Duell. Abwechselnd agieren die Kontrahenten, um Karten auszuspielen. Karten, die Schachfiguren symbolisieren. Jeder hat sein eigenes Deck mit den 16 bekannten Figuren. Acht Bauern, jeweils zwei Türme, Läufer und Springer, eine Dame, ein König. Exakt wie beim Schach. Auf der oberen Hälfte einer Karte ist eine weiße Figur zu sehen, auf der anderen Hälfte, um 180 Grad gedreht, eine schwarze. Die erste Partie spielt Spasski mit Weiß, Fischer mit Schwarz. Entsprechend müssen die Karten auf der Hand gehalten werden.

Match of the Century

Die Regeln des Schachspiels soll mein Vater meinem Bruder beigebracht haben. Eine Familienlegende besagt, er habe aufgehört mit Wilhelm zu spielen, als die Chancengleichheit aufgehoben war. Die habe ich nie erreicht. Als Wilhelm mir die Zugweisen erklärte, war er vermutlich schon Bundesligaspieler. Von 1980 bis 1997 ging er für den Delmenhorster SK ans Brett, danach noch kurz für den SK Neukölln, ehe er in einer tieferen Liga beim SC Kreuzberg eine neue Heimat fand. „Leidenschaft für dieses Spiel ist eine Konstante, die sein Leben seit seiner Jugend begleitet hat“, schreibt sein Freund Johannes in einer Gedenkschrift.

Ein kurzer Lebenslauf

Großmeister-Niveau bescheinigten ihm Weggefährten mal. Ich war zufrieden, wenn ich über mehr als 20 Züge bestehen konnte. Gelang mir selten. Im Gegenteil: Ich erinnere mich an eine sehr kurze Partie. Verloren nach vier Zügen. Das sogenannte Schäfermatt. Allzu viele Partien spielten wir jedoch nicht. Wilhelm zog früh aus. Marburg, Berlin, Oldenburg. Er studierte, wurde Sozialwissenschaftler. Heirat, Vater eines Sohnes, Scheidung. Dann – noch vor dem Mauerfall – wieder Berlin. Er wollte promovieren. Ich bewunderte ihn auch ohne Doktortitel. Ich genoss die wenige Zeit, die wir gemeinsam hatten. Wenn er auf Familienbesuch war, wenn ich ihn besuchte. Streit hatten wir nie. Sein Alltag blieb mir jedoch fremd. Zu groß der Altersunterschied, zu groß die Entfernungen.

Mein Bruder Wilhelm (links( nannte mich immer „Cowboy“. Wer hier wohl der Cowboy ist …?

Was ich wahrnahm: Seine Liebe für Schach. Mich begeisterte dieses Spiel zwar nicht, aber es übte einen Reiz aus. Immerhin so stark, dass ich Schach im Fernsehen guckte. In den Achtzigern gab es in den Dritten „Schach dem Großmeister“. Helmut Pfleger kommentierte. Beispielsweise Partien von Robert Hübner, Viktor Kortschnoi, Anatoli Karpow. Von jenem Karpow, der 1975 Weltmeister und damit Nachfolger von Bobby Fischer wurde. Kampflos übrigens. Fischer trat nicht an.

Schlagzeilen und Fachbegriffe auf den Karten von „Match Of The Century“

In Reykjavik anno 1972 besann sich Fischer. Oder wurde er zur Besinnung gebracht? Henry Kissinger, damals Sicherheitsberater von US-Präsident Richard Nixon, griff zum Telefonhörer, um den Herausforderer zur Fortsetzung des WM-Kampfes zu bewegen. Fischer gewann Partie drei. Sein erster Sieg überhaupt gegen Spasski. „Killerinstinkt“ schreit die Schlagzeile einer stilisierten Zeitungsseite, die in „Match Of The Century“ die Kartenhälfte des schwarzen Läufers Fischers illustriert. So wie diese geben viele Karten Einblicke in das wahrlich bizarre und an Merkwürdigkeiten reiche Duell des Jahrhunderts. Andere erklären Fachbegriffe.

Match Of The Century

Für das Spiel wichtig ist indes die Stärke einer jeden Karte. Die Werte bewegen sich zwischen 0 und 5. Schwacher König, starke Dame. Die Einteilung dazwischen richtet sich nach der Mächtigkeit der Figuren im echten Schach. Mit den Karten werden quasi Mini-Duelle geführt. Oder Angriffe, wie es in der Anleitung heißt. Eine Karte Spasski, eine Karte Fischer. Wer den höheren Wert in einem Angriffsabschnitt aufweist, gewinnt die hier vergebenen Vorteilspunkte. Einen, zwei, drei oder vier – je nach Abschnitt. Vier gibt es. Wer mindestens sechs Vorteilspunkte hat, entscheidet eine Partie – möglicherweise auch vorzeitig – für sich und punktet damit auch auf der Wettkampfleiste. Stilecht wird der aktuelle Stand darauf mit einem König abgetragen. Fischer-Blau gegen Spasski-Rot statt Weiß gegen Schwarz.

Psychospielchen bei „Match Of The Century“

Wer mit den weißen Figuren spielt, beginnt das erste Mini-Duell, startet das Taktieren, den Schlagabtausch. Weiß spielt die erste Karte in einen Abschnitt und gibt damit vor, wo der Kontrahent reagieren muss. Wie ich eine Partie angehe, erfordert durchaus differenzierte Überlegungen. Welche Figuren sind zugbereit? Bedeutet: Welche Karten habe ich auf der Hand? Welche mag mein Gegenüber haben? Zeige ich Stärke und platziere gleich die Dame im attraktivsten Segment? Biete ich ein Bauernopfer an, um im folgenden Angriff den Nachzug zu erhalten? Mitunter ein Psychospielchen. Zumal es clever sein kann, ein Mini-Duell zu verlieren. Zwar erhält mein Gegner dann Vorteilspunkte, aber ich darf den Effekt meiner unterlegenen Figur aktivieren. Je stärker die Figur, desto wirkungsvoller der Effekt.

Match Of The Century

In Island bediente sich Fischer auch fragwürdiger Methoden. Von den zahlreichen Eskapaden erzählt Schachjournalist André Schulz in dem lesenswerten Begleitheft, das dem Spiel beiliegt. Unter anderem davon, dass der Amerikaner das Marmorbrett wegen störender Lichtreflexion durch ein Holzbrett austauschen ließ. Die Holzoptik bestimmt somit auch „Match Of The Century“. Auch Wilhelm spielte auf Holz. Gehörte sich auch so, schließlich war unser Vater Tischlermeister. Das Verhalten Fischers dürfte meinem Bruder indes zuwider gewesen sein. Wilhelm galt als Verfechter von Fairness und vor allem Gerechtigkeit. Aus reiner Höflichkeit soll er Remisangebote angenommen haben, obwohl seine Stellung auf Sieg stand.

Der eine Weltmeister, der andere Berliner Meister

Im Jahrhundertmatch lag Bobby Fischer nach der sechsten Partie erstmals vorne: 3,5 zu 2,5. Die Führung gab er nicht mehr ab. Die 21. Partie brachte die Entscheidung. Spasski gab eine unterbrochene Partie per Telefonanruf auf. 12,5 zu 8,5 für den Amerikaner. Das erste Mal seit fast einem Vierteljahrhundert kam der Weltmeister nicht aus der Sowjetunion. Wilhelm wurde immerhin zweimal Berliner Meister. „Für ihn war Schach gleichzeitig Probierstein des Geistes und sportlicher Wettkampf, ästhetischer Genuss und eine große Herausforderung, den Dingen mit einer nahezu wissenschaftlichen Herangehensweise auf den Grund zu gehen“, schreibt Johannes über meinen Bruder.

Match Of The Century

Der Wunsch, den perfekten Zug zu finden, soll ihn in Wettkämpfen durchaus in Zeitnot gebracht haben. Ein Umstand, dessen Adaption einen auch bei „Match Of The Century“ ereilen kann. Zumindest fühlt es sich so an. Zeitmanagement beim Schach wird hier zum Kartenmanagement. Nutze ich die Möglichkeit, zwischen zwei Partien Karten abzuwerfen, um mehr nachziehen zu dürfen? Alle, die ich auf der Hand behalte, werden um 180 Grad gedreht. Aus weißen Figuren werden schwarze, aus schwarzen weiße. Auf einer Hälfte ist stets ein Bauer, auf der anderen eine der übrigen Figuren. Gebe ich eine Partie frühzeitig auf, um danach mit voller Kraft attackieren zu können? Um vielleicht auch nicht allzu viele Karten nachziehen zu müssen?

Die mentale Fitness bei „Match Of The Century“

Denn ist ein Deck durchgespielt und muss neu gemischt werden, verringert sich die mentale Fitness. Der entsprechende Wert steuert die Zahl der Handkarten. Das schränkt ein, kann aber auch den Vorteil bringen, die starken Karten häufiger auf die Hand zu bekommen. Ferner gibt die mentale Fitness vor, wie viele Bauernfiguren (nicht zu verwechseln mit den Bauern auf den Karten) ich in meinen Vorrat nehmen darf. Diese Bauern, die im Aussehen denen aus einem klassischen Schachspiel ähneln, kann ich nutzen, um die Stärke von Karten zu erhöhen. Bis zu zwei Bauern dürfen pro Karte aktiviert werden. Ein schöner taktischer Kniff, der beispielsweise auch einem Turm ermöglicht, eine Dame zu schlagen.

Match of the Century

In Summe ist „Match Of The Century“ ein bemerkenswertes Spiel. In seiner taktischen Tiefe und wegen der liebevollen Einbettung des Themas. Vermutlich ist aber gerade Letzteres der Grund, warum es bislang nicht die verdiente Beachtung gefunden hat. Schachspieler spielen Schach. So war es zumindest bei Wilhelm. Er gab sich nicht mit dem zweitbesten Spiel zufrieden, es musste die Königin sein. Er analysierte, philosophierte und gab seine Leidenschaft als Jugendtrainer weiter. Seine Wohnung beherbergte eine der größten privaten Schachbuchsammlungen, die es in Deutschland zu seiner Zeit gab. Am 25. August 2010 starb mein Bruder. Einfach so. Sein Sohn Jaan stellte die rund 2000 Bücher dem SC Kreuzberg zur Verfügung, der sie seit 2018 zugänglich macht. In der nach meinem Bruder benannten Wilhelm-Schlemermeyer-Bibliothek.

Match Of The Century | Deep Print Games, Pegasus Spiele | Paolo Mori | 2 Personen | ab 10 Jahren | 30 bis 45 Minuten | Spielanleitung | Meine Bewertung: ★★★★☆ (stark)

Hinweis: Dieser Text ist zuerst in der „Spiel doch!“ erscheinen, Ausgabe 2/2024. Ich veröffentliche ihn hier ein weiteres Mal, weil er wohl mein persönlichster Text ist – und damit einfach auf meinem Blog erscheinen sollte. Ferner danke ich dem SC Kreuzberg für die Erlaubnis, das im Titelfoto einmontierte Porträt meines Bruders verwenden zu dürfen.

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Als ich bei “Wer wird Millionär?” auf dem Stuhl saß

Weißt Du, was wir an Heiligabend feiern? Jesu Geburt, Kreuzigung, Auferstehung? Vermutlich wirst Du ob dieser Frage den Kopf schütteln. Aber mein Glück war es, dass ein Mann nicht die richtige Antwort darauf fand. Für ihn war es die letzte Frage bei “Wer wird Millionär?”. Es folgte eine nächste Auswahlrunde – und ich war der Schnellste unter mehreren hundert Mitspielern. Hunderte? Ja, die Show fand nämlich an Bord der “Aida Perla” statt. Das aus dem Fernsehen bekannte Quizformat wird auf den Kreuzfahrtschiffen der Rostocker Reederei als Unterhaltungsformat angeboten. Nur geht es dann nicht um eine Million Euro, sondern um Punkte, hinter denen sich wiederum Preise verbergen.

Ein Joker ist die Rettung

An die Sortieraufgabe, die mich auf den Stuhl gebracht hat, kann ich mich nicht mehr erinnen. Aber an das Datum. Es war der zweite Weihnachtsfeiertag 2021. Passend zum Fest thematisierten die Fragen ausschließlich Weihnachten. Wie es im Fernsehen auch den meisten Kandidaten bei Günther Jauch gelingt, schaffte ich die ersten fünf Fragen schnell. Doch eine der nächsten Aufgaben empfand ich als nahezu unlösbar. Ich sollte angeben, wie viele Strophen die Ursprungsversion eines bestimmtes Weihnachtslieds hatte? Welches Lied? Kann ich nicht mehr sagen. Aber ich dachte nur: Wie soll ich das denn wissen? Als Auswahlmöglichkeiten gab es vier, fünf, sechs und sieben. Ein Joker war die Rettung. Bei der Show an Bord durfte ich zwar niemanden anrufen, aber einen Zuschauer aus dem Publikum um Hilfe bitten.

Mein Plan bei „Wer wird Millionär auf Aida Perla?“

Wie der Zufall es wollte, entschied ich mich für eine junge Frau. Sie gab an, ebenfalls Journalistin zu sein. Und: Sie hatte das Internetpaket gebucht und auf See irgendwo zwischen Curacao und Aruba die richtige Antwort gegoogelt. Volltreffer! Ab zur nächsten Frage. Ich wusste, dass es ab der dreizehnten richtigen Antwort einen Reisegutschein als Gewinn gibt. Das war mein Ziel. Also zockte ich auch dann, wenn ich mir nicht sicher war. Was gab es schon zu verlieren? Eine Wellness-Behandlung oder ein exquisites Abendessen für zwei – nichts, was nicht als Einsatz gelohnt hätte.

Bei "Wer wird Millionär auf Aida Perla" sitze ich dem Moderator gegenüber.
Bei „Wer wird Millionär auf Aida Perla“ sitze ich /(im Vordergrund) dem Moderator gegenüber. Es ist nicht Günther Jauch.

Ich merkte jedoch: Es macht definitiv einen Unterschied aus, ob ich zu Hause auf dem Sofa locker mitrate oder zu einer finalen Antwort gezwungen bin. Schließlich hatte ich – auch mit Glück – Frage 13 geschafft. Frage 14 offenbarte sich als Geschenk: Wie heißt die große Weihnachtslotterie in Spanien? El Gordo – das hätte ich auch ohne Multiple Choice gewusst. In welchem Jahr berichten wir nicht darüber? Früher habe ich selbst noch die Weltspiegel-Seite der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ layoutet und den Agenturtext redigiert.

Bei dieser Frage entscheide ich mich, aufzuhören

Nun also die finale Frage 15: Welchen spektakulären Auftritt hat alljährlich der Weihnachtsmann in Rio de Janeiro? Springt er mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug und landet im Sand der Copacabana? Kommt er mit einem Helikopter ins Maracanã-Stadion geflogen? Schwebt er mit einem Zeppelin auf den Zuckerhut? Das sind drei der Antwortmöglichkeiten, die ich auch fünf Jahre später noch erinnere. Und ich weiß, dass ich die Antwort damals nicht wusste. Zocken? Nein! Gut so, denn ich hätte mich wohl für den Fallschirm entschieden. Richtig ist aber der Helikopter. Zum richtigen Zeitpunkt aufgehört, einen Reisegutschein in Höhe von 2500 Euro gewonnen. Welch ein tolles Weihnachtspräsent!

PS: Heute würde die Antwort meines Publikumsjokers nicht mehr gelten. Wie ich im vergangenen Sommer auf der „Aida Nova“ erlebt habe, wurde die Frage für einen Kandidaten getauscht, nachdem der Joker erzählt hatte, die Antwort just gegoogelt zu haben.

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Ein unwahrscheinliches Finale bei Hitster Christmas

Der Zufall macht das Unwahrscheinliche möglich. Zumindest an diesem Spätherbstabend:

Wir sitzen zu viert bei Freunden auf der Terrasse. Eingemümmelt in dicken Jacken, Lebkuchen in Griffweite, Dampf steigt auf über den mit Glühwein gefüllten Tassen. Und wir spielen „Hitster“. Frauen gegen Männer. Das hat mittlerweile fast den Traditionsstatus von Weihnachten erreicht. Umso passender, dass wir erstmals die Songs der neuesten Erweiterung aus dem Smartphone dudeln lassen: „Hitster Christmas“. Gut 150 Weihnachtslieder aus den vergangenen rund 100 Jahren.

Manche davon habe ich noch nie gehört:

🎶 Wonderland, wonderland, shining stars, jingle bells …

Heidi Klum

Andere sind Wiederentdeckungen:

🎶 There’s something about Christmas time …

Bryan Adams

Oder Klassiker:

🎶 I’m dreaming of a white Christmas …

Bing Crosby

Und einige natürlich unvermeidlich:

🎶 All I want for Christmas is you, yeah

Mariah Carey

Häufigstes Intro: das Bimmeln von Glöckchen. So wie man es von Schlitten kennt, die von Rentieren gezogen werden. Wie etwas bei Frank Sinatras Version von „Jingle Bells“. Wie bei „Christmas in Hollis“ von Run DMC. Oder bei der „Petersburger Schlittenfahrt“ von James Last. Zudem begegnen uns zahlreiche Weltstars, die irgendwann einmal im Laufe ihrer Karriere Weihnachtssongs aufgenommen haben. Queen, Taylor Swift oder Whitney Houston. Deutschsprachige Sängerinnen und Sänger sind natürlich auch zu hören: etwa Helene Fischer, Reinhard Mey und Die Toten Hosen als Die Roten Rosen.

Hitster Christmas

Wie das ursprüngliche „Hitster“, holt auch „Hitster Christmas“ durch die Musik Erinnerungen zurück. Wobei Weihnachtslieder nun einmal vor allem an Weihnachten erinnern. Die Zeitreise in die eigene Vergangenheit ist dabei nicht so intensiv wie beim normalen „Hitster“, nicht so konkret mit Lebensabschnitten verbunden. Weil man Weihnachtslieder halt jedes Jahr hört, ist es gar nicht so einfach, die angespielten Songs chronologisch in die richtige Reihenfolge zu bringen. Und das ist ja gerade das Ziel bei „Hitster“ (Wer mehr zu den Regeln lesen möchte, findet Infos in der Hitster-Rezension).

Hitster Christmas und das eine Lied, das nicht fehlen darf

Zurück auf die Terrasse, zu Glühwein und Lebkuchen. Es steht mittlerweile 2:2. Wir sind mitten in der fünften Partie und der Kartenvorrat wird immer kleiner. Und kleiner. Neun Karten liegen bei uns schon in Reihe, es fehlt nur noch eine. Eine letzte Karte im Vorrat, alle anderen haben wir an diesem Abend schon gespielt. Wir sind dran. Es zaubert sich eine Grinsen in meine Gesicht – noch ehe wir den QR-Code scannen und das Lied anspielen. Ich bin mir sicher, was gleich zu hören ist. Es muss einfach so sein. Es kann ja wohl keine „Hitster Christmas“-Ausgabe sein, wenn der Weihnachtssong schlechthin fehlen sollte. Dass es die letzte Karte ist? Zufall eben. Ohne auch nur eine Note zu hören, sortiere ich die Karte ein und sage: „1984. ‚Last Christmas‘ von Wham.“ Dann ertönt:

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Hitster Christmas | Jumbo | 2 bis 10 Personen | ab 16 Jahren | 30 Minuten | Meine Bewertung: ★★★★☆ (stark)

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