300 Spiele, 24 Kinder und eine besondere Idee: Die Brettspielklasse Horn

Was, wenn aus einer simplen Idee Kinder vor Streit und Mobbing zu schützen, eine Idee wird, die das Leben vieler Jugendlicher verändert?
Die Idee der Brettspielklasse entstand vor rund 12 Jahren an der Stadtteilschule Horn. Als Klassenlehrer bemerkte Markus Zimmermann, dass viele Kinder bereits lange vor Unterrichtsbeginn vor dem Klassenraum warteten. Häufig endete das in Streit und Mobbing. Um das Verhalten zu unterbinden, beschloss er den Klassenraum früher aufzuschließen und Brettspiele mitzubringen. Wo zunächst nur wenige Schüler*innen sich an ein Spiel vor Schulbeginn wagten, wurde die Klasse von Tag zu Tag immer voller und schon bald versammelte sich die gesamte Klasse jeden Morgen 30 Minuten vor Schulbeginn, um gemeinsam noch etwas zu spielen.
Schon bald zeigte sich, welche Wirkung das gemeinsame Spielen auf die Klasse hatte: Kinder, die kurz zuvor noch gestritten hatten, saßen plötzlich gemeinsam am Tisch, mussten Regeln akzeptieren, miteinander kommunizieren und Entscheidungen treffen. Aus dieser Erfahrung entstand die Idee, Gesellschaftsspiele nicht nur als Freizeitbeschäftigung, sondern als Medium für Schule und Bildung einzusetzen.
2023 ergab sich dann die Möglichkeit eine echte Brettspielklasse zu gründen. Im Schuljahr 2024/2025 startete die Klasse und das Interesse war riesig. 24 Schüler*innen nehmen einmal wöchentlich an der notenfreien Doppelstunde teil, um gemeinsam Spiele zu lernen. Manche Spiele werden sogar für den Fachunterricht angepasst und zum Üben oder Vermitteln von Inhalten genutzt.
Dabei geht es nicht nur um Fachwissen: Kommunikation, Kooperation, Kreativität und kritisches Denken werden trainiert. Auch Konzentration, strategisches Denken, Frustrationstoleranz und den Umgang mit Sieg und Niederlage sind Aspekte, die durch das Spielen gestärkt werden. Besonders wichtig ist die zunehmende Selbstständigkeit. Die Kinder erklären sich Spiele gegenseitig, lösen Regel- und Gruppenkonflikte selbst und übernehmen Verantwortung.
Inzwischen umfasst die Sammlung der Klasse rund 300 bis 350 Spiele. Die Schülerinnen und Schüler präsentieren ihre Lieblingsspiele außerdem auf Spielemessen und erklären sie dort auch Erwachsenen. Aus dieser intensiven Beschäftigung mit Spielen entstand schließlich der Horner Spielestern. Die Kinder stellten sich die Frage, warum eigentlich nur Erwachsene Spielepreise vergeben. Sie entwickelten eigene Kriterien und wählen seitdem selbst Spiele aus, die sie besonders überzeugen.
Dabei zählt nicht, welches Spiel Erwachsene für besonders pädagogisch wertvoll halten, sondern die Perspektive der Kinder: Macht das Spiel Spaß? Wird es freiwillig immer wieder gespielt? Funktioniert es mit unterschiedlichen Kindern? Bleibt es auch nach mehreren Partien interessant?
In diesem Jahr fiel die Wahl auf Bohnanza von Uwe Rosenberg – ein Spiel, das bereits 1997 erschienen ist und laut Markus Zimmermann trotzdem auch heute noch eine junge Generation begeistert.
Der Horner Spielestern steht damit stellvertretend für das, was die Brettspielklasse ausmacht: Erwachsene schaffen den Rahmen, aber die Kinder übernehmen Verantwortung, treffen Entscheidungen und gestalten selbst. Sie sollen nicht einfach bespielt werden, sondern durch das Spielen zunehmend selbstständig werden.




