Partyspiele oder sogar noch besser Geschicklichkeitsspiele kann man mich mit jagen. Das liegt nicht an mangelnder Geschicklichkeit oder weil ich ein ungeselliger Mensch bin, sondern weil sie mich davon abhalten die rar gesäte Brettspielzeit zu vergeuden. Ich brauche auch keine Partyspiele, um endlich mal wieder einen Grund zu haben mich ordentlich zu besauf… lesen das eigentlich auch Kinder? … Genussmittel zu mir zu nehmen. Und dann kam Bounce It! ins Haus. Nach dem Auspacken und Anleitunglesen stand der Untertitel für mich schon fest. Dann kommen Kind und Frau an und erster fragt, was man machen muss. Frau: Hey, das ist ja Bierpong ohne Alkohol! Zwei doofe … aber lasst mich euch kurz abholen.
Spielprinzip
Spielaufbau und nächster Wurf.
Der Boden der Spielschachtel ist Teil des Spiels! Oder anders: wenn ihr den Deckel anhebt, sehr ihr ein kleines Loch, vier Bälle und zwei Spender mit bedruckten Pappchips aka Sieg-Punkten. Reihum muss jede Person versuchen die Bälle in das Loch zu werfen (sie müssen dafür mindestens einmal vorher auf dem Tisch aufkommen). Trefft ihr, dürft ihr euch entweder den Chip vom Rand nehmen und die Bälle weitergeben oder den Chip gegen den nächsthöheren auszutauschen und weiter zu werfen. Nach vier Bällen ist spätenstens Schluß. Liegt der letzte Ball dann im Loch gehört euch der Chip, sonst bleibt dieser liegen und die nächste Person hat die Chance darauf.
Wer als erstes 42 Punkte erreicht hat, hat gewonnen. Apropos gewonnen: die Spielenden mit den wenigsten Punkten (können auch mehrere mit gleich vielen Punkten sein) haben vier Bälle zur Verfügung. Alle anderen müssen mit drei Bällen auskommen.
Wer ne Schippe drauf legen will (oder anderen eine Chance geben möchte), beginnt die untere Schachtelhälfte weiter weg zu legen, zu erhöhen, eine Mauer vorzustellen und so weiter. Dies kann für alle oder nur eine Person gemacht werden. Es ist alles erlaubt was Spaß macht.
Unboxing
Hier gibt es nichts zu beanstanden oder hervorzuheben. Naja, einzig die Bälle! Vier unterschiedliche Bälle, die wirklich gut auf dem Tisch hüpfen. Nicht zu doll, nicht zu schwach. Genau was es dafür braucht.
Die Illustration kommt von Annika Heller, die ich auf der Berlin Con 2024 persönlich kennengelernt habe als sie mir mein Exemplar von Lumicora (Pegasus Spiele) signiert hat.
Kleinigkeiten sind wichtig
Bewertung
Wer hier ein ernsthaftes Spiel sucht, sollte besser bei jedem gescheiterten Treffer zur Flasche greifen. Hier geht es ausschließlich um Spaß, hämisches Auslachen bei Fehlwürfen, abfeiern von Treffern und die anderen immer anzuheizen lieber den nächst höheren Chip auf den Rand zu legen, als die sicheren Punkte mitzunehmen.
Das Spiel ist mittlerweile im Büro gelandet, wo es bei passender Feierabendstimmung oder kurz vor dem „komm wir gehen noch was trinken“ als Vorglüher dient. Wir haben es in vielen Gruppierungen und Konstellationen ausprobiert und immer wieder Spaß gehabt. Es bleibt ein kurzweiliges Party-/Geschicklichkeitsspiel und darf damit einen Platz im Regal behalten.
Bildergalerie
Nach erfolgreichem Wurf kann gegen den nächst höheren Chip getauschst werden.Der Ball muss in die Vertiefung.Drei bis vier Bälle stehen pro eigener Runde zur Verfügung.
Die Spielebranche blickt trotz wirtschaftlicher Herausforderungen optimistisch auf das Jahr 2026. Besonders Brett-, Karten- und Gesellschaftsspiele sowie Puzzle entwickeln sich positiv. Wie der Spieleverlage e. V. in seiner Pressemitteilung zur SPIEL 2026 in Essen berichtet, konnte die Warengruppe Spiele & Puzzle in den ersten drei Quartalen des Jahres um 8 Prozent wachsen. Der gesamte Spielwarenmarkt legte im gleichen Zeitraum lediglich um 3 Prozent zu.
Geht ihr gerne zum Möbelschweden? Mich lockt dort normalerweise nichts hin. Nicht einmal die Hotdogs, von denen viele so schwärmen. Meine Frau hingegen findet immer etwas, und wenn es nur Teelichter sind. Es lebe das Klischee!
Nicht mehr lange, und die SPIEL öffnet ihre Pforten. Das ist für uns Spielende so etwas wie das Tor zum Schlaraffenland. Nicht verwunderlich also, dass wir hier mehr als gespannt sind, was uns dort erwartet. Die Vorbereitungen sind auch so gut wie abgeschlossen, Listen geschrieben, Verlage kontaktiert und erste Neuheiten schon einmal angespielt oder zumindest begutachtet.
Auf der SPIEL Essen 2026 (22. bis 25. Oktober) zeigen Hunderte Verlage neue Titel, von denen viele längst über Kickstarter ausgeliefert oder schon im Handel sind. Die folgende Auswahl beschränkt sich auf Spiele, die tatsächlich zur Messe hin lanciert werden: Der Verlag stellt sie als Weltpremiere zur SPIEL Essen 2026 vor. Ein kleines Vorbestell- oder Abholfenster von wenigen Wochen vor Messebeginn ist bei Klein- und Mittelverlagen dabei üblich und ändert daran nichts. Wer einen dieser elf Titel will, kommt an der Messe kaum vorbei.
Wer es kompakt und familientauglich mag, findet mit Buried Memories, Terravista, Fauch & Fertig und Dice Arcana leichte Einstiege, während Cubaneo, Northgreen, Greenwood, Rival Seas und die Forestry-Erweiterung klar Richtung Kenner- und Vielspielerpublikum zielen.
Buried Memories: Die Spielschachtel wird zur Ausgrabungsstätte
Aporta Games, Designer Kristian Amundsen Østby (bekannt für Escape: The Curse of the Temple) und Aleksander Østby. 1 bis 6 Spielende, 20 bis 30 Minuten, ab 8 Jahren, ein leichtes Push-Your-Luck- und Sammelspiel. In Buried Memories ist die Spielschachtel selbst die Ausgrabungsstätte. Spielende legen darin archäologische Fundstücke frei.
Laut Verlag erscheint der Titel „zur SPIEL Essen 2026, erhältlich ab dem 22. Oktober“ für 22 Euro.
Timespan: Von der Steinzeit ins All in 90 Minuten
Alion, das Studio hinter „Dr Ø“ (Norwegen), Designer Kenneth Minde und erneut Kristian Amundsen Østby. 1 bis 5 Spielende, etwa 90 Minuten, ab 12 Jahren, BGG-Komplexität rund 3,0 von 5 in einer noch kleinen Stichprobe. Timespan lässt eine Zivilisation von der Steinzeit bis ins Weltall wachsen.
Der Titel läuft über ein Essen-Vorbestellprogramm mit Abholung am Verlagsstand, Halle 3, Stand 3F120, bis Samstag, 24. Oktober, 17 Uhr, Messepreis rund 65 Euro. Einzelne Vorbestellwege nennen abweichende Versandtermine. Wer sich auf die Messe verlassen will, sollte die Abholung am Stand wählen statt sich auf ein früheres Lieferdatum zu verlassen.
Wild World: Worker Placement mit Monsterkämpfen
Chilifox Games, Designer Åsmund Svensson, Eilif Svensson und Viljar Opdal Svensson. 1 bis 4 Spielende, 45 bis 90 Minuten, ab 14 Jahren. Wild World verbindet Worker Placement mit Kämpfen gegen Monster, wobei alle Spielenden parallel um die meiste Punktzahl wetteifern statt sich direkt zu bekämpfen.
Laut IPA Gameshop erscheint der Titel zur zweiten Oktoberhälfte 2026, parallel zur SPIEL Essen, dort für 50 Euro vorbestellbar. Trotz „1 bis 4 Spielende“ listet BGG keinen eigenen Solo-Mechanismus. Ob ein Automa existiert, bleibt offen.
Terravista: Roll-and-Write in 15 Minuten
Chilifox Games, Designer Eilif Svensson und Åsmund Svensson. 1 bis 6 Spielende, 15 Minuten, ab 8 Jahren, ein leichter Einstieg mit BGG-Komplexität um 1,0 von 5. Terravista ist ein Routenbau-Roll-and-Write desselben Verlags wie Wild World, mit einem eigenen, ausgewiesenen Solomodus samt Turniervariante.
Es läuft über dasselbe Essen-Vorbestellmodell für 20 Euro, Lieferung ab der zweiten Oktoberhälfte 2026.
Rival Seas: Maritimer Konflikt von Jumping Turtle Games
Jumping Turtle Games, Designer David Ausloos. 2 bis 4 Spielende, 70 bis 100 Minuten, ab 12 Jahren, BGG-Komplexität rund 3,5 von 5. In Rival Seas kaufen Reedereien Aktien konkurrierender Firmen, übernehmen als CEO die Kontrolle und verwalten ihre Zeit auf einem gemeinsamen Zeittrack, um Handelsrouten und Ressourcen auf See zu kontrollieren.
Der Verlag kündigte auf Facebook an: „We are entering the final months of fine-tuning and plan to officially launch Rival Seas at SPIEL '26 in Essen.“
Cubaneo: Neuauflage des Klassikers Cuba
Deep Print Games, Designer Michael Rieneck und Stefan Stadler. 2 bis 5 Spielende, 75 bis 120 Minuten, ab 12 Jahren, ein Handelsspiel mit Auktionen, Markt-Mechanik und Abstimmungen über Gesetzeskarten. Cubaneo bringt den 2007er-Klassiker Cuba samt Erweiterung „El Presidente“ zurück, Handel und Wirtschaft im vorrevolutionären Kuba.
Der Vertrieb läuft laut unserer früheren Berichterstattung über Pegasus Spiele, mit einer deutschen und einer englischen Sprachversion. Welche Regeln sich über die Erweiterung hinaus gegenüber dem Original ändern, kommuniziert der Verlag bislang nicht. Laut wericmartin.com kommt der Titel „on 30 October 2026 after debuting during SPIEL Essen 26“ regulär in den Handel.
The Game Builders, Designer han & ode (Thorsten Hanson und Andreas Odendahl), Illustration Lukas Siegmon. 1 bis 4 Spielende, rund 90 bis 120 Minuten gesamt, ab 12 Jahren, ein Worker-Placement-Spiel, das der Verlag selbst als Expertenspiel einstuft, BGG-Komplexität 4,0 von 5. In Northgreen leiten Spielende ein Wiederaufforstungsprojekt in Island. The Game Builders vermarktet den Titel auf Deutsch.
Laut Verlag erscheint der Titel „zur SPIEL 2026 in Essen“, mit Abholung am Stand 4J500. Vorbestellungen sind laut Verlag bereits möglich, der Vorbestellpreis liegt bei 65 Euro, UVP 79 Euro. Trotz „1 bis 4 Spielende“ führt BGG keinen eigenen Solo-Mechanismus. Wie alleine gespielt wird, bleibt offen.
Greenwood: Urgeister gegen die Druiden
Feuerland Spiele, Designer Christos Giannakoulas und Manolis Zachariadis. 1 bis 4 Spielende, rund 40 Minuten pro Person, ab 14 Jahren, BGG-Komplexität rund 3,5 von 5. In Greenwood befreien Urgeister mit variablen Clan-Fähigkeiten magische Wesen von den Druiden, die sie gefangen halten.
Würfelreich hat Greenwood bereits vorgestellt. Feuerland Spiele bringt die deutsche Ausgabe direkt selbst heraus. Laut Cliquenabend soll das Spiel im Herbst zur SPIEL 2026 in Essen erscheinen.
Die Gamefound-Kampagne zur deutschen Ausgabe war zu Redaktionsschluss noch nicht gestartet. BGG führt kein Solo-System als eigene Mechanik auf. Ob eines hinter der „1 bis 4“-Angabe steckt, bleibt offen.
Fauch & Fertig: Drachenkarten sammeln
Skellig Games, Designer Thorsten Gimmler, Artwork Nina Gimmler, ein deutschsprachiger Verlag. 2 bis 4 Spielende, etwa 30 Minuten, ab 8 Jahren. Fauch & Fertig ist ein Kartenspiel, in dem Spielende Drachenkombinationen sammeln, um Eier abzulegen.
Eine Presseschau von beeple.de ordnet den Titel in ihrem eigenen Format „Road to Essen 2026“ als Essen-Neuheit ein. Der Verlag selbst nennt für die Vorbestellung ein Wiederverfügbarkeitsdatum ab dem 31. Oktober, direkt nach Messeende.
Dice Arcana: Solo-Abenteuer mit Würfeln
Ludonova, Designer Denis Phoenix. 1 Spielender, etwa 15 Minuten, ab 10 Jahren. Dice Arcana ist ein Solo-Würfelspiel und die Weiterentwicklung des Print-and-Play-Titels „Alchemist's Apprentice“, dessen Kampagnenheft mit jedem gespielten Kapitel neue Zutaten und Regeln freischaltet.
Forestry: Growing Forward: Neue Charaktere für das Essen-2025-Kennerspiel
Pink Troubadour, Designer Michal Peichl. 1 bis 4 Spielende, 35 bis 120 Minuten, ab 12 Jahren, mit asymmetrischen Fähigkeiten pro Charakter. Die Erweiterung „Growing Forward“ bringt neue Charaktere sowie Ernte- und Schädlingsbefall-Module für Forestry, das 2025 bereits in Essen Premiere feierte.
Pegasus Spiele veröffentlicht das Basisspiel Forestry auf Deutsch. Das spricht auch für eine deutsche Fassung der Erweiterung. Bestätigt ist das allerdings nicht.
Laut einer Rezension mit Vorabexemplar kosten Vorbestellungen zur SPIEL Essen 2026 25 Euro. Rezensierende erhielten das Exemplar „ahead of SPIEL“.
Alle elf Titel eint dasselbe Muster: vorbestellen und am Stand abholen, oder kurz danach per Post erhalten. Das ist das übliche Modell, mit dem Klein- und Mittelverlage ihre Essen-Neuheiten an Sammler und Erstkäufer bringen. Wer stattdessen erst nach der Messe im Handel sucht, wartet bei einigen Titeln noch bis in den November oder länger.
Korrektur vom 27.09.2026: Der Artikel behauptete, der Essen-Shop führe Wild World nicht namentlich auf. Tatsächlich ist der Titel dort für 50 Euro gelistet, ergänzt um den ebenfalls dort genannten Terravista-Preis von 20 Euro. Außerdem war ein Zitat zum Cubaneo-Handelsstart fälschlich dem Verlag zugeschrieben, es stammt von wericmartin.com.
Mother Tell your children not to walk my way Tell your children not to hear my words What they mean, what they say, mother Was hat es bei den einleitenden…
Deep Print Games, Pegasus Spiele und DiceTree Games kündigen mit „Deckers: Duplicity“ die erste Erweiterung zum kooperativen Hacking-Deckbuilder Deckers an, passend zum ersten Jahrestag des Spiels. Die Erweiterung ist zur SPIEL Essen vorbestellbar und soll im Oktober 2026 erscheinen. Einen Preis oder eine Bestätigung für eine deutsche Ausgabe nennt die Produktseite bisher nicht, obwohl mit Pegasus Spiele ein deutscher Mitherausgeber beteiligt ist.
In Deckers hacken 1 bis 4 Spielende ab 12 Jahren solo oder kooperativ ein Servernetzwerk, eine Partie dauert 60 bis 90 Minuten. Designer Richard Wilkins ließ das Grundspiel 2025 bei Deep Print Games, Pegasus Spiele und weiteren Partnerverlagen erscheinen, auf BoardGameGeek steht es bei einer Bewertung von 8,06 und einer Gewichtung von 3,76.
„Duplicity“ bringt zweifarbige Decker-Profile, die sich umdrehen lassen und dabei eine andere Fähigkeit zeigen, dazu einen neuen SMC-Gegner (Super-Massive Computer), der laut Verlag zwischen zwei Zuständen wechselt und so eine ständige Anpassung der Taktik verlangt. Zwei neue Missionen kommen hinzu, die Erweiterung lässt sich frei mit dem Grundspiel kombinieren.
Warum Deckers gerade Platz 1 der BGG-Hotness belegt
Deckers steht aktuell auf Platz 1 der weltweiten BGG-Hotness-Liste. Der Zeitpunkt fällt mit der frischen Erweiterungs-Ankündigung und der Vorbestellphase zur SPIEL Essen zusammen, beides dürfte das gestiegene Interesse miterklären. Die Platzierung selbst ist ein Aufmerksamkeits-Signal auf BGG, kein Qualitätsurteil über das Spiel.
Folge 40 regt hoffentlich ein wenig zum Nachdenken an. Zumindest uns hat das Interview mit Cosima Werner ebenso die Antennen hochfahren lassen wie die Beschäftigung mit dem Spiel LIMIT von Alexandre Poyé (erschienen bei Ludonaute bzw. bei Spielworxx). Zusätzlich sprechen wir noch intensiver über SKYBRIDGE von Michael Rieneck und Franz Vohwinkel (erschienen bei Deep Print […]
Schach. Ich habe immer verloren. Jede einzelne Partie. Mein Bruder war nicht nur 13 Jahre älter als ich, er war auch Bundesligaspieler. Im Schach. Meine Bilanz gegen ihn werde ich niemals verbessern können. Wilhelm ist tot. Ein Spiel hat viele Erinnerungen aufgefrischt.
Boris Spasski gegen Bobby Fischer. Sowjetrusse gegen US-Amerikaner. Das Finale der Schachweltmeisterschaft elektrisiert im Jahr 1972 die Welt. Inmitten des Kalten Kriegs wird dieses Duell Stellvertreter des Klassenkampfs zweier Großmächte. Austragungsort: die isländische Hauptstadt Reykjavik. „Match Of The Century“ nennen Autor Paolo Mori und der Verlag Deep Print Games das Spiel, das dieses historische Duell neu inszeniert. Man muss kein Schach können, um es zu verstehen. Es ist ein taktisches Kartenspiel für – klar – zwei Personen. Eines, das mit den Ereignissen von damals spielt.
Ich bin in jenem Sommer noch kein Jahr alt. Wilhelm feiert am 15. Juli 1972 seinen 14. Geburtstag. Herausforderer Fischer liegt an diesem Tag schon 0:2 zurück. Zur zweiten Partie war der exzentrische Amerikaner gar nicht erst angetreten. Wie bekloppt, denke ich gut 50 Jahre später. Was Wilhelm damals davon hielt oder für wen er Sympathien hegte – ich weiß es nicht, kann nur vermuten. Wir haben nie über das Jahrhundert-Match gesprochen. Ich bin mir aber sicher, dass er das Finale verfolgt, die Partien analysiert hat. Wenn nicht 1972, dann auf jeden Fall später.
Bei „Match Of The Century“ symbolisieren Karten die Schachfiguren
In „Match Of The Century“ agiert eine Person als Spasski, die andere als Fischer. Der Wettkampf erstreckt sich über mehrere Partien. Sprich: Runden. Wer zuerst sechs Punkte hat, wird nicht Weltmeister, aber gewinnt immerhin dieses Duell. Abwechselnd agieren die Kontrahenten, um Karten auszuspielen. Karten, die Schachfiguren symbolisieren. Jeder hat sein eigenes Deck mit den 16 bekannten Figuren. Acht Bauern, jeweils zwei Türme, Läufer und Springer, eine Dame, ein König. Exakt wie beim Schach. Auf der oberen Hälfte einer Karte ist eine weiße Figur zu sehen, auf der anderen Hälfte, um 180 Grad gedreht, eine schwarze. Die erste Partie spielt Spasski mit Weiß, Fischer mit Schwarz. Entsprechend müssen die Karten auf der Hand gehalten werden.
Die Regeln des Schachspiels soll mein Vater meinem Bruder beigebracht haben. Eine Familienlegende besagt, er habe aufgehört mit Wilhelm zu spielen, als die Chancengleichheit aufgehoben war. Die habe ich nie erreicht. Als Wilhelm mir die Zugweisen erklärte, war er vermutlich schon Bundesligaspieler. Von 1980 bis 1997 ging er für den Delmenhorster SK ans Brett, danach noch kurz für den SK Neukölln, ehe er in einer tieferen Liga beim SC Kreuzberg eine neue Heimat fand. „Leidenschaft für dieses Spiel ist eine Konstante, die sein Leben seit seiner Jugend begleitet hat“, schreibt sein Freund Johannes in einer Gedenkschrift.
Ein kurzer Lebenslauf
Großmeister-Niveau bescheinigten ihm Weggefährten mal. Ich war zufrieden, wenn ich über mehr als 20 Züge bestehen konnte. Gelang mir selten. Im Gegenteil: Ich erinnere mich an eine sehr kurze Partie. Verloren nach vier Zügen. Das sogenannte Schäfermatt. Allzu viele Partien spielten wir jedoch nicht. Wilhelm zog früh aus. Marburg, Berlin, Oldenburg. Er studierte, wurde Sozialwissenschaftler. Heirat, Vater eines Sohnes, Scheidung. Dann – noch vor dem Mauerfall – wieder Berlin. Er wollte promovieren. Ich bewunderte ihn auch ohne Doktortitel. Ich genoss die wenige Zeit, die wir gemeinsam hatten. Wenn er auf Familienbesuch war, wenn ich ihn besuchte. Streit hatten wir nie. Sein Alltag blieb mir jedoch fremd. Zu groß der Altersunterschied, zu groß die Entfernungen.
Mein Bruder Wilhelm (links( nannte mich immer „Cowboy“. Wer hier wohl der Cowboy ist …?
Was ich wahrnahm: Seine Liebe für Schach. Mich begeisterte dieses Spiel zwar nicht, aber es übte einen Reiz aus. Immerhin so stark, dass ich Schach im Fernsehen guckte. In den Achtzigern gab es in den Dritten „Schach dem Großmeister“. Helmut Pfleger kommentierte. Beispielsweise Partien von Robert Hübner, Viktor Kortschnoi, Anatoli Karpow. Von jenem Karpow, der 1975 Weltmeister und damit Nachfolger von Bobby Fischer wurde. Kampflos übrigens. Fischer trat nicht an.
Schlagzeilen und Fachbegriffe auf den Karten von „Match Of The Century“
In Reykjavik anno 1972 besann sich Fischer. Oder wurde er zur Besinnung gebracht? Henry Kissinger, damals Sicherheitsberater von US-Präsident Richard Nixon, griff zum Telefonhörer, um den Herausforderer zur Fortsetzung des WM-Kampfes zu bewegen. Fischer gewann Partie drei. Sein erster Sieg überhaupt gegen Spasski. „Killerinstinkt“ schreit die Schlagzeile einer stilisierten Zeitungsseite, die in „Match Of The Century“ die Kartenhälfte des schwarzen Läufers Fischers illustriert. So wie diese geben viele Karten Einblicke in das wahrlich bizarre und an Merkwürdigkeiten reiche Duell des Jahrhunderts. Andere erklären Fachbegriffe.
Für das Spiel wichtig ist indes die Stärke einer jeden Karte. Die Werte bewegen sich zwischen 0 und 5. Schwacher König, starke Dame. Die Einteilung dazwischen richtet sich nach der Mächtigkeit der Figuren im echten Schach. Mit den Karten werden quasi Mini-Duelle geführt. Oder Angriffe, wie es in der Anleitung heißt. Eine Karte Spasski, eine Karte Fischer. Wer den höheren Wert in einem Angriffsabschnitt aufweist, gewinnt die hier vergebenen Vorteilspunkte. Einen, zwei, drei oder vier – je nach Abschnitt. Vier gibt es. Wer mindestens sechs Vorteilspunkte hat, entscheidet eine Partie – möglicherweise auch vorzeitig – für sich und punktet damit auch auf der Wettkampfleiste. Stilecht wird der aktuelle Stand darauf mit einem König abgetragen. Fischer-Blau gegen Spasski-Rot statt Weiß gegen Schwarz.
Psychospielchen bei „Match Of The Century“
Wer mit den weißen Figuren spielt, beginnt das erste Mini-Duell, startet das Taktieren, den Schlagabtausch. Weiß spielt die erste Karte in einen Abschnitt und gibt damit vor, wo der Kontrahent reagieren muss. Wie ich eine Partie angehe, erfordert durchaus differenzierte Überlegungen. Welche Figuren sind zugbereit? Bedeutet: Welche Karten habe ich auf der Hand? Welche mag mein Gegenüber haben? Zeige ich Stärke und platziere gleich die Dame im attraktivsten Segment? Biete ich ein Bauernopfer an, um im folgenden Angriff den Nachzug zu erhalten? Mitunter ein Psychospielchen. Zumal es clever sein kann, ein Mini-Duell zu verlieren. Zwar erhält mein Gegner dann Vorteilspunkte, aber ich darf den Effekt meiner unterlegenen Figur aktivieren. Je stärker die Figur, desto wirkungsvoller der Effekt.
In Island bediente sich Fischer auch fragwürdiger Methoden. Von den zahlreichen Eskapaden erzählt Schachjournalist André Schulz in dem lesenswerten Begleitheft, das dem Spiel beiliegt. Unter anderem davon, dass der Amerikaner das Marmorbrett wegen störender Lichtreflexion durch ein Holzbrett austauschen ließ. Die Holzoptik bestimmt somit auch „Match Of The Century“. Auch Wilhelm spielte auf Holz. Gehörte sich auch so, schließlich war unser Vater Tischlermeister. Das Verhalten Fischers dürfte meinem Bruder indes zuwider gewesen sein. Wilhelm galt als Verfechter von Fairness und vor allem Gerechtigkeit. Aus reiner Höflichkeit soll er Remisangebote angenommen haben, obwohl seine Stellung auf Sieg stand.
Der eine Weltmeister, der andere Berliner Meister
Im Jahrhundertmatch lag Bobby Fischer nach der sechsten Partie erstmals vorne: 3,5 zu 2,5. Die Führung gab er nicht mehr ab. Die 21. Partie brachte die Entscheidung. Spasski gab eine unterbrochene Partie per Telefonanruf auf. 12,5 zu 8,5 für den Amerikaner. Das erste Mal seit fast einem Vierteljahrhundert kam der Weltmeister nicht aus der Sowjetunion. Wilhelm wurde immerhin zweimal Berliner Meister. „Für ihn war Schach gleichzeitig Probierstein des Geistes und sportlicher Wettkampf, ästhetischer Genuss und eine große Herausforderung, den Dingen mit einer nahezu wissenschaftlichen Herangehensweise auf den Grund zu gehen“, schreibt Johannes über meinen Bruder.
Der Wunsch, den perfekten Zug zu finden, soll ihn in Wettkämpfen durchaus in Zeitnot gebracht haben. Ein Umstand, dessen Adaption einen auch bei „Match Of The Century“ ereilen kann. Zumindest fühlt es sich so an. Zeitmanagement beim Schach wird hier zum Kartenmanagement. Nutze ich die Möglichkeit, zwischen zwei Partien Karten abzuwerfen, um mehr nachziehen zu dürfen? Alle, die ich auf der Hand behalte, werden um 180 Grad gedreht. Aus weißen Figuren werden schwarze, aus schwarzen weiße. Auf einer Hälfte ist stets ein Bauer, auf der anderen eine der übrigen Figuren. Gebe ich eine Partie frühzeitig auf, um danach mit voller Kraft attackieren zu können? Um vielleicht auch nicht allzu viele Karten nachziehen zu müssen?
Die mentale Fitness bei „Match Of The Century“
Denn ist ein Deck durchgespielt und muss neu gemischt werden, verringert sich die mentale Fitness. Der entsprechende Wert steuert die Zahl der Handkarten. Das schränkt ein, kann aber auch den Vorteil bringen, die starken Karten häufiger auf die Hand zu bekommen. Ferner gibt die mentale Fitness vor, wie viele Bauernfiguren (nicht zu verwechseln mit den Bauern auf den Karten) ich in meinen Vorrat nehmen darf. Diese Bauern, die im Aussehen denen aus einem klassischen Schachspiel ähneln, kann ich nutzen, um die Stärke von Karten zu erhöhen. Bis zu zwei Bauern dürfen pro Karte aktiviert werden. Ein schöner taktischer Kniff, der beispielsweise auch einem Turm ermöglicht, eine Dame zu schlagen.
In Summe ist „Match Of The Century“ ein bemerkenswertes Spiel. In seiner taktischen Tiefe und wegen der liebevollen Einbettung des Themas. Vermutlich ist aber gerade Letzteres der Grund, warum es bislang nicht die verdiente Beachtung gefunden hat. Schachspieler spielen Schach. So war es zumindest bei Wilhelm. Er gab sich nicht mit dem zweitbesten Spiel zufrieden, es musste die Königin sein. Er analysierte, philosophierte und gab seine Leidenschaft als Jugendtrainer weiter. Seine Wohnung beherbergte eine der größten privaten Schachbuchsammlungen, die es in Deutschland zu seiner Zeit gab. Am 25. August 2010 starb mein Bruder. Einfach so. Sein Sohn Jaan stellte die rund 2000 Bücher dem SC Kreuzberg zur Verfügung, der sie seit 2018 zugänglich macht. In der nach meinem Bruder benannten Wilhelm-Schlemermeyer-Bibliothek.
Match Of The Century | Deep Print Games, Pegasus Spiele | Paolo Mori | 2 Personen | ab 10 Jahren | 30 bis 45 Minuten | Spielanleitung | Meine Bewertung: ★★★★☆ (stark)
Hinweis: Dieser Text ist zuerst in der „Spiel doch!“ erscheinen, Ausgabe 2/2024. Ich veröffentliche ihn hier ein weiteres Mal, weil er wohl mein persönlichster Text ist – und damit einfach auf meinem Blog erscheinen sollte. Ferner danke ich dem SC Kreuzberg für die Erlaubnis, das im Titelfoto einmontierte Porträt meines Bruders verwenden zu dürfen.
Ein Stichspiel? Schon wieder? Ja, diese Fragen sind berechtigt. Aber, grundsätzlich hört sich „Stichspiel“ für mich immer interessant an. Zumindest so interessant, dass ich es kennenlernen möchte. Wenn es dann noch mit einer besonderen Mechanik verbunden ist, klingt es noch interessanter.